Von TEXT: MAX LENTZEN BILDER: EVA DRÖMER, 17.05.06, 18:52h, aktualisiert 18.05.06, 11:57h
Als wir dort ankamen, wussten wir bereits, dass unsere Freundin in eine der 381 leer stehenden Wohnungen eingezogen ist. Doch das war nicht das Einzige, war wir über die Häuser wussten. Bereits seit Monaten geht die Wiederbelebung der Hausbesetzerszene durch die Medien und ist nicht zuletzt in der Kölner Politik eines der Top Gesprächsthemen. Und auch die zahlreichen, aus den Fenstern hängenden Plakate ziehen seit geraumer Zeit die Blicke der S-Bahnfahrer und der Messebesucher an. Sprüche wie „Barmer Viertel erhalten“ oder „Freiräume schaffen“ drücken die Wünsche der Hausbesetzter aus.
Als wir das Barmer Viertel mit einem leicht mulmigen Gefühl betreten, ist nur noch einer der zahlreichen Eingänge offen. Die anderen sind bereits aus Angst vor der Räumung durch herausgerissene Heizungen blockiert. Während wir an Gerümpel und Müll vorbei in den Innenhof gehen, steigt uns ein muffiger Geruch in die Nase. Der riesige Innenhof ist mit diversen Flaschen und alten Möbeln übersät. Auch wenn wir bis hierher noch niemandem begegnet sind, haben wir das Gefühl zu stören und beobachtet zu werden. Schon bald kommen wir in das nächste Treppenhaus, in dem die Wohnung unserer ehemaligen Klassenkameradin ist. Nach mehrmaligem Klopfen an der Tür meldet sich eine verschlafene Stimme, die uns recht freundlich herein bittet. Es ist einer der beiden neuen Mitbewohner des Mädchens, das elf Jahre mit uns in dieselbe Klasse ging. Mehrere alte Flaschen, Zigarettenpackungen und anderer Müll verteilt sich über den Fußboden. Zu unserer Linken kann man eine Art Partyzimmer erkennen, wobei eigentlich das ganze Gebäude mitsamt dem Innenhof nach Party aussieht. Schräg gegenüber befindet sich eine Art Schlafzimmer. Drei Matratzen liegen verstreut auf dem Boden, von einer gähnt uns der verschlafene Punk, der uns eben herein gebeten hat, entgegen. Unsere Freundin ist nicht da. Trotzdem hat er nichts dagegen, sich mit uns für eine Weile zu unterhalten. Mit der Zeit erzählt er uns, dass er ursprünglich aus Hamburg kommt. Dass er im Barmer Viertel gelandet ist, ist eher Zufall und war nicht beabsichtigt. Nun lebt er bereits seit Mitte März hier, und auf die Frage, wie er nach Köln kommt, meint er: „Irgendwie bin ich hier wohl versackt.“ Als Haustier hält er sich eine Ratte, die er „Hitler“ nennt, und um die er sich liebevoll kümmert.
Er berichtet uns von seiner ersten Hausbesetzung, die er bereits mit 14 Jahren unternommen hat. Seitdem zieht er von Haus zu Haus, egal ob in Hamburg, Rostock oder Köln. Außerdem sind seine Erfahrungen mit Drogen unser Gesprächsthema. Auch wenn wir ihn nicht weiter fragen, beginnt er immer wieder aufs Neue von seinen Trips und diversen Partys zu erzählen. Das Drogen eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen, ist uns von der ersten Minute an bewusst.
Während seiner Lebensgeschichte entschuldigt er sich immer wieder für das Chaos und den Geruch, der im Zimmer herrscht. Doch zumindest für die zahlreichen Kornflaschen auf dem Balkon sollen wir doch Verständnis haben, schließlich werden diese im Falle einer Räumung zur Verteidigung noch gebraucht. Was die alltäglichen Bedürfnisse betrifft, müssen sich die Bewohner des Barmer Viertels an einiges gewöhnen. Strom und Wasser sind in den Wohnungen abgestellt. Unser Gesprächspartner hat seine eigene Lösung: „Ich pinkel' halt vom Balkon.“
Am Wochenende kommt Leben ins Barmer Viertel. Jugendliche reisen aus ganz Deutschland an, um hier ausgelassene Parties zu feiern. Zerbrochene Fensterscheiben und rum liegende Bierflaschen interessieren hier niemanden, von daher kann es hier richtig abgehen. Anderen ist das Feiern nicht wichtig, und so stürmen sie Ratssitzungen der Stadt Köln, damit ihr Wohnblock nicht neuen, unbezahlbaren Wohnungen weichen muss.
Leider haben wir unsere Freundin nicht gefunden. Die Zeit während unseres Besuches ging trotzdem unglaublich schnell um. Egal, ob politisch links Engagierte, Rechtsradikale, Party feiernde Jugendliche und Obdachlose, seit ein paar Monaten bietet der Deutzer Häuserblock ein neues Zuhause für sie. Und auch wenn sich zu Beginn keiner wirklich für die wiedergeborene Hausbesetzerszene interessierte, wollen inzwischen selbst Kölns Studenten im Falle einer Zwangsräumung dagegen protestieren.
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