Von INGRID BÄUMER, 14.05.07, 19:35h
Kürten - „Ich verstehe die Welt nicht mehr“, seufzt Gerhard Riedel. „Seit über 40 Jahren bin ich Kunde der Telekom - und jetzt das.“ Der Ärger begann am 4. März: Die Telekom schickte ihm einen Brief, dass ab sofort alle Ortsgespräche, „wie gewünscht“, auf den Preselection-Anbieter „Freenet“ umgestellt würden. Riedel konnte sich nicht erinnern, den Wechsel beauftragt zu haben - und protestierte sofort per Telefon und Fax. Doch weder konnte der Telekom-Service Riedel einen Auftrag vorweisen, noch war man in der Lage, ihm die Rufnummer von Freenet zu geben. „Der Mitarbeiter gab mir stattdessen zwei falsche Nummern - ich landete wieder bei der Telekom, aber diesmal bei teuren 0900er-Hotlines.“ Wutentbrannt erstattete Riedel am 7. März Anzeige wegen Datenausspähung und versuchten Betrugs. Zwei Wochen später schrieb ihm die Polizei, die Anzeige werde eingestellt - Täter unauffindbar.
Zwischendurch überraschte die Telekom Riedel mit einem neuen Brief: Alle Gespräche würden von nun an wieder über die Telekom laufen - die Umstellungsgebühr stelle man Riedel in Rechnung. Das machte den Rentner nun erst recht wütend. Er verweigerte die Umstellungs-Zahlung und zog auch die teuren Hotline-Kosten von der Rechnung ab. Daraufhin flatterte am 26. März eine Mahnung ins Haus. Im April schaltete die Telekom Riedels Leitung für Ortsgespräche ab. „Was für Rechte habe ich als Kunde eigentlich noch?“ empörte sich Riedel - und ging zum Anwalt. Doch auch der bekam keine Antwort.
Auf Nachfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ schaute man bei der Telekom dann doch noch einmal nach, ob Riedel tatsächlich den Auftrag zum Anbieterwechsel gegeben hatte. Die verblüffende Nachricht von Telekom-Pressesprecher Udo Wendland: „Es liegt ein Auftrag vor.“ Als Beweis schickte er eine kleine Karte an Riedel.
Der war baff. „Hier steht zweifelsfrei meine Unterschrift.“ Doch statt Freenet firmiert auf der Karte eine „Telekom Service Deutschland GmbH“. Das Kärtchen kommt als Preisausschreiben daher: Man könne „500 Freiminuten für nationale Ferngespräche“, „eine Chance auf den 1 Millionen Euro-Jackpot“ und „ein Siemens Gigaset für die ersten 100 Teilnehmer“ gewinnen. Mit seiner Unterschrift erklärte sich Riedel im Kleingedruckten mit einem Anbieterwechsel einverstanden: Dort steht, dass er fortan alle Gespräche über die Preselection-Nummer 01019 mit dem „Vorteilstarif CleverPlus 500“ führt.
Doch wer steckt hinter der „Telekom Service Deutschland GmbH“? Jedenfalls nicht die Telekom. Dafür ist dem Telekom-Sprecher Wendland der Name auf Anhieb vertraut: „Wir haben schon drei Klagen gegen unseren Konkurrenten eingereicht - wegen unlauterer Werbung.“ TSD ist eine Vermittlungsfirma, die im Auftrag des Telekom-Anbieters Freenet Verträge mit Kunden abschließt. „Aus dem Bereich Trier kennen wir weitere Fälle“, erläutert Wendland. „Der Kunde glaubt, er nimmt an einem Preisausschreiben teil. Er kann nicht erkennen, dass er mit Unterschrift unter die Karte einen Anbieterwechsel beauftragt.“ Die TSD sei jüngst erfolgreich auf Unterlassung verklagt worden: „Wenn sie noch einmal auf diese Weise Werbung macht, wird sie für jeden Einzelfall mit einem Strafgeld von 15 000 Euro belegt.“ Riedel nützt das nichts: Die Gerichtsurteile machen seinen Vertrag nicht rückwirkend ungültig.
Und warum „konnte“ die Telekom Riedel den Auftrags-Zettel nicht vorweisen? Wendland räumt ein: „Das ist ganz klar unser Bearbeitungsfehler.“ Riedels Schreiben sei zwar beim Team Köln eingegangen, aber nicht bearbeitet worden. Wendland empfiehlt Kunden, die sich vom Telekom-Service schlecht behandelt fühlen, die Niederlassung West (Mönchengladbach, 02161 / 80-0) anzurufen und das Beschwerdemanagement zu verlangen.
Inzwischen hat Gerhard Riedel erneut Post von der Telekom: Alle Ortsgespräche würden wieder über die Telekom laufen. Doch jetzt reicht es ihm endgültig: „Ich will mit der Telekom nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun haben“, schreibt er an deren Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Zumwinkel.
Übrigens: Auch Freenet und TSD haben wir um Stellungnahmen gebeten. Die Freenet AG will sich zu Praktiken ihres Geschäftspartners TSD nicht äußern. Ein TSD-Sprecher war trotz mehrfacher Anfragen nicht erreichbar.
Tipp der Redaktion: Bei Ärger mit Telekommunikationsfirmen hilft die Verbraucherzentrale Bergisch Gladbach kompetent weiter, 02202 / 4 14 15.
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