Von KARIN GRUNEWALD, 17.07.07, 11:31h
Jetzt aber bitte ich in der „Pflegestube Strubbelchen“ in Untereschbach um professionelle Unterstützung. Inhaber Sven Tennert hat mir versichert, dass er weder Galgen noch Fönbox hat, das Modell „Sport und Garten“ beherrscht und sich die meisten Hunde früher oder später bei ihm „ergeben“. Dennoch habe ich etwas Herzklopfen vor den kommenden „mindestens zwei Stunden“. Das „Katzenhotel Villa Maunz“ nebenan findet Chica geruchlich wesentlich interessanter als die gemütliche Blockhütte der Pflegestube. Sie schnüffelt, guckt sich um und steuert wieder auf die Tür zu. Soll heißen: Hab' alles gesehen, gehen wir wieder zu den Katzen? Ich ignoriere ihr Anliegen. Wenn das hier klappen sollte, bin ich heilfroh, denn das Entfilzen, Kämmen und Schneiden zu Hause funktioniert nur mit vereinten Kräften von Herrchen, Frauchen und aller Nerven.
Begossener Hütehund
Los geht's. Zunächst hebt Sven Tennert meinen verdutzten Hund in den gemauerten Waschbereich. Ich schlucke herunter, dass der Hund wasserscheu sei, und betrachte gebannt, wie Chica Brause, Wasser und Shampoo stoisch über sich ergehen lässt und dasteht wie ein begossener Hütehund. Irgendwie erwarte ich, dass Tennert gleich fragt: „Ist die Temperatur so recht?“ Damit der triefende Hund die Blockhütte nicht unter Hochwasser setzt, kommt nun bereits in der Wanne der Fön zum Einsatz. Modell „Tornado“ bläst mit 2000 Watt eine angenehme Temperatur von 38 bis 40 Grad über die Hundeflanken.
Da ich meinen Hund kenne, weiß ich, dass wir längst noch nicht gewonnen haben. Die größte Hürde kommt jetzt: das Durchkämmen jeder einzelnen Haarsträhne. Chica ist übrigens ein „Gos d'Atura“, ein katalanischer Hütehund, der vor allem eines hat: viele und lange Haare. Da wir uns häufiger durchs Tannengehölz schlagen als in Fußgängerzonen flanieren, zeigen diese Haare eindeutige Tendenz zum Verfilzen und Verknoten. Das Kämmen mit der feinen Drahtbürste ziept und zubbelt. Dass das wirklich wehtut, wäre sozusagen an den Haaren herbeigezogen - aber mein Hund enttäuscht mich nicht. Er findet dieses Vorhaben geradezu unerträglich und kommentiert es mit Quieken und Knurren. Ich assistiere, indem ich Chica festhalte, und versuche, dabei weder den Eimer für die Haare noch die Kaffeetassen hinter mir umzuwerfen. Tennert scherzt, ein „Frauchen im Eimer“ habe er auch noch nicht gehabt. Es ist ein mühsames Unterfangen, das der Hundecoiffeur nicht nur mit einer Mischung aus Nettigkeit und Dominanz meistert, sondern vor allem mit Routine und Sachverstand. Hier geht es nicht in erster Linie ums adrette Aussehen, sondern um Pflege und Gesundheit. Was wir erhalten, ist mehr als nur ein Haarschnitt. Ich zumindest müsste dafür Friseur, Kosmetikerin und verschiedene Fachärzte besuchen. Sven Tennert entdeckt eine Zecke, entfernt sie und tropft Wasserstoffperoxid auf die Stelle, die ein wenig entzündet ist. Blondieren hatte ich eigentlich nicht mitgebucht, aber die Flüssigkeit soll auch nur desinfizieren. Unter permanentem „Tornado“-Gebläse geht es langsam und mit Entfilzerspray voran. Chica pendelt zwischen edelmütiger Duldsamkeit und dem Ziehen aller Register an Vermeidungsstrategien. Sie setzt sich (dann kommt er ja nicht mehr hinten dran), sie legt ihm die Pfote auf den Arm (dann kann er den ja nicht mehr bewegen). Schließlich zieht sie die Notbremse und zeigt die Zähne. Aber auch dafür hat Tennert eine Strategie. Er hält ihr die Bürste hin. Chica beißt rein - und die Bürste „beißt“ mit ihren Drahtborsten zurück. Na gut, dann nicht.
Knubbel kämmen
„Wichtig ist, dem Hund zu zeigen, dass man auf keinen Fall nachgibt“, sagt Sven Tennert. Konsequenz, das A und O bei Hunden und Kindern. Chica sei harmlos, meint er, „nur dickköpfig und zickig - Frau eben“. Den ersten Teil kann ich bestätigen, den letzten überhöre ich. Mein Hund hat ihn nicht überhört und windet sich weiter. Das Blockhaus hat inzwischen das Klima einer Sauna. Wir öffnen die beschlagenen Sprossenfenster und legen ein Päuschen für alle Beteiligten ein.
Am Kopf hört für Chica der Spaß auf und für kurze Zeit erhält sie einen Maulkorb. Und was tut dieser Hund? Er steht da wie ein Lamm. Lässt sich die dicksten Filzknubbel hinter den Ohren mit dem feinsten Kamm durchkämmen. Haare in den Ohren zupfen? Klar doch. Ohr säubern und pudern? Bitte schön! Ich bin fast ein bisschen beleidigt, denn bei uns zu Hause kriecht sie schon auf die bloße Nennung des Wortes „Ohrentropfen“ eiligst unter den Tisch. Noch vor kurzem mahnte der Tierarzt, die Haare müssten weg, aber das ginge wohl nur mit Narkose. Geschafft. Filz weg, Ohren sauber, Krallen geschnitten. Die Haut kann wieder atmen, und jeder Quadratzentimeter Hund ist auf Zecken, Rötungen oder Knubbel untersucht. Jetzt geht's noch an die Schönheit, nämlich die Frisur. Sven Tennert dünnt das Fell rundum aus und kürzt es zum pflegeleichten Urlaubsschnitt. Vermutlich werde ich bereuen, dass der Hund wieder alle Katzen und Hasen ohne Sichtbehinderung ins Auge fassen kann.
Ob es die Schönheit oder die Katzen sind, die Chica überzeugen, weiß ich nicht, aber sie scheint mit sich und der „Strubbelchen“-Welt zufrieden. Nach gut drei Stunden bin auch ich voll der Zufriedenheit, aber auch voll der Haare und verschwitzt. Der wie neu aussehende Hund schaut mich an, als wolle er sagen: Ich fühl mich hütehundwohl, was machen wir jetzt? Wir gehen noch einkaufen. In der Schaufensterscheibe spiegeln sich eine Frau und ein Hund. Ich muss sagen: die Frau könnte mal zum Friseur gehen.
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