Von STEFANIE JOOSS, 30.08.07, 19:06h, aktualisiert 30.08.07, 19:08h
Kraft scheint Martina Zilske unendlich zu besitzen. Es gebe eine Erfahrung in ihrem Leben, „die sagt mir, dass mir keiner was kann“, erklärt sie später: „Ganz bewusst“ hätten sie und ihr Mann Helmut Zilske zwei Kinder mit Down-Syndrom adoptiert. Dabei entscheiden sich rund 90 Prozent aller werdenden Eltern nach der Diagnose „Trisomie 21“ für eine Abtreibung.
Außenstehenden ihre Entscheidung zu begründen, sei „so schwierig, wie die Welt zu erklären“, sagt Martina Zilske. Die gängigen Vorstellungen davon, wie eine „normale“ Familie auszusehen hat, hat sie einfach über Bord geworfen. Das scheint eine ratsame Entscheidung für alle adoptionswilligen Eltern. Denn: Einen gesunden, problemfreien Säugling aufnehmen zu können, sei nicht die Regel, sagt Christa George von der Adoptionsvermittlungsstelle Rhein-Berg in Bergisch Gladbach. Einige Kinder sind schon im Grundschulalter, wenn die leiblichen Eltern sie zur Adoption freigeben. Trotz ihrer geringen Lebenserfahrung hätten sie unter Umständen schon viel „im Gepäck“, erklärt die Sozialpädagogin. Auch Kinder ohne offensichtliche körperliche oder geistige Behinderung litten oft unter Entwicklungsverzögerungen oder seelischen Störungen.
„Ich habe mich von der Vorstellung, dass mein Kind Abitur macht, verabschiedet“, schildert Martina Zilske ihre Gedanken vor der Adoption. Gleichzeitig habe sie jede Menge Förderoptimismus an den Tag gelegt. Mit entsprechender Betreuung und Hilfe würde „einiges gehen“, war die Sonderpädagogin und Musiklehrerin überzeugt. Und es ging tatsächlich einiges, sogar mehr als Zilske sich anfangs erhofft hatte. Die achtjährige Marie und die sieben Jahre alte Lily besuchen eine integrative Schule und gehen in ihrer Freizeit reiten, schwimmen und tanzen - „wie jedes normale Kind“, erklärt ihre Adoptivmutter.
Herauszufinden, ob Paare wie die Zilskes stark genug sind, ein stabiles Familienleben mit einem adoptierten Kind aufzubauen, ist die Aufgabe von Christa George und Klaus Felusch. Ob im möglichen künftigen Zuhause die „Wäsche ordentlich gestapelt ist“, spiele dabei keine Rolle, sagt George in Anspielung auf die Vorurteile, die den Fachkräften der Adoptionsstelle oft entgegengebracht werden. „Die Kinder stehen im Mittelpunkt“, betont Klaus Felusch. Für sie geeignete Eltern zu finden, lautet das Ziel. Geeignet sind grundsätzlich alle Paare, die geistig, körperlich und seelisch gesund sind. Auch das Einkommen muss stimmen. Aber: „Wir suchen keine luxuriösen Parkplätze, sondern Eltern“, so Felusch. Das Prinzip „je mehr, desto besser“ gilt also nicht in Sachen Geld, wohl aber beim Faktor Zeit. Mindestens ein Jahr lang müsse nach der Aufnahme eines Adoptivkindes ein Elternteil zu Hause bleiben, erklärt George. Die „gestörte Bindungsqualität“ zu verbessern, brauche viel Zeit, begründet sie die Anforderung.
Ob Eltern geeignet sind, die „leere Flasche zu füllen“, entscheiden Christa George und Klaus Felusch, nachdem sie Fragebögen und Motivationsschreiben studiert und mit den Paaren gesprochen haben. Nach solch einer Eignungsprüfung würden manchmal „heiße Debatten“ zwischen den beiden Fachkräften entstehen, sagt Felusch. Schließlich sind die Entscheidungen, die der Sozialarbeiter und seine Kollegin treffen müssen, schwerwiegend: „Für Paare, die von uns als nicht geeignet eingestuft werden, ist Feierabend“, sagt Felusch. Sie werden niemals ein Kind adoptieren können, weder über die Vermittlungsstelle in Bergisch Gladbach noch über eine andere. Umgekehrt ist eine notariell beglaubigte Adoption nie wieder rückgängig zu machen. Eine Adoption ist eine lebenslange Entscheidung für die leiblichen ebenso wie für die „sozialen“ Eltern, wie George die Adoptiv-Eltern bezeichnet.
Bis aus den als geeignet anerkannten Eheleuten oder gleichgeschlechtlichen Lebenspartnern Eltern werden, können mehrere Jahre vergehen. Beim Ehepaar Zilske zog die erste Tochter ein Jahr nach der Antragstellung ins neue Zuhause ein. Elf Wochen war Marie damals alt. 20 Monate später kam Lily in die Familie. Die Adoptionsvermittlung sei von sich aus mit dem Angebot auf die Zilskes zugekommen. Denn Eltern, die Kinder mit Behinderung aufnehmen, würden händeringend gesucht, sagt Martina Zilske.
Spätestens, wenn aus den Säuglingen oder Grundschulkindern pubertierende Teenager auf der schwierigen Suche nach der eigenen Identität geworden sind, besuchen viele Eltern Christa George und Klaus Felusch erneut. Denn auch nach der Adoption lassen die städtischen Mitarbeiter die Familien nicht alleine, sondern beraten diese so oft wie erwünscht.
Bis ihre Töchter ins „schwierige Alter“ kommen, hat Martina Zilske noch eine Weile Zeit. Doch so langsam würden Marie und Lily genauer nachfragen, berichtet Zilske. Dass sie adoptiert wurden, wissen die beiden. „Darüber haben wir immer gesprochen.“ Wenn Marie und Lily eines Tages fragen, warum ihre leiblichen Eltern sie weggegeben haben, werde sie ihre Kinder nicht mit der kompletten, verletzenden Realität konfrontieren, sondern eine geschönte Antwort suchen, sagt Martina Zilske.
Mit 16 Jahren schließlich dürfen adoptierte Kinder bei George und Felusch in ihre Personalakte gucken. Die Sozialpädagogin und der Sozialarbeiter helfen bei der Suche nach den leiblichen Eltern und der Kontaktaufnahme mit ihnen. Häufig bleibt es bei dieser ersten, klärenden Begegnung, so die Erfahrung von George und Felusch. Dass sich eine ähnliche Bindung wie zu den sozialen Eltern entwickelt, sei selten. Ob nun leibliche oder soziale Elternschaft - für Martina Zilske spielen solche Definitionen keine Rolle. Sie sagt: „Marie und Lily sind meine Kinder.“
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige