Von Katja Decher, 26.05.08, 20:06h, aktualisiert 29.12.13, 09:52h
Als Boris T. nach der - auf Wunsch des Vaters dennoch absolvierten - Banklehre in seiner Heimatstadt ein Studium der Volkswirtschaftslehre aufnahm, belegte er aus Neugier eine Vorlesung in Psychologie. „Dort erzählte man uns, dass viele junge Menschen in einem bestimmten Alter denken, ihre Eltern seien nicht ihre Eltern“, erinnert sich T., der heute in Rösrath lebt. Er erzählte einem Freund, dass er das auch denke, und dieser antwortete prompt: „Du siehst deinen Eltern auch gar nicht ähnlich!“ Um Gewissheit zu bekommen, machte sich T. auf den Weg zum Standesamt, um sich seine Geburtsurkunde zeigen zu lassen. „Bis dahin hatte ich immer nur eine Geburtsbescheinigung von mir gesehen“, sagt er. Die Wahrheit kam schnell und ohne Schnörkel. „Ach so, Sie sind ja ein Adoptivkind, nicht wahr?“, fragte der Standesbeamte, nachdem er Boris T.'s Namen in seinem Verzeichnis nachgeschlagen hatte. Er sei nicht sehr betroffen gewesen, schließlich habe er bereits geahnt, dass er adoptiert wurde.
„Ich weiß alles“, konfrontierte er zu Hause seine Adoptivmutter. „Sie war völlig aus der Fassung und rief direkt meinen Adoptivvater an.“ Abends brachte dieser eine Mappe mit nach Hause, die er all die Jahre im Safe in seinem Büro aufbewahrt hatte. In der Mappe befinden sich alle Unterlagen zu T.'s Herkunft. „Eigentlich hatten meine Adoptiveltern es mir erst sagen wollen, wenn ich heirate.“ Denn dazu hätte er ja seine Geburtsurkunde benötigt, und die Wahrheit hätte sich nicht länger verschweigen lassen. Nun war sie heraus. „Zwischen uns ändert sich doch jetzt nichts, oder?“, habe seine Adoptivmutter ängstlich gefragt.
Was sich geändert hatte war, dass Boris T. nun die Bestätigung einer lange gehegten Ahnung bekommen hatte. Seine leibliche Mutter hatte ihn direkt nach seiner Geburt zur Adoption frei gegeben. „Als mein Erzeuger ist in der Adoptionsakte der Besitzer eines Gutes in Ostpreußen eingetragen“, erzählt Boris T. Ein Gutsbesitzer, der nicht nur 20 Jahre älter als T.'s damals 22 Jahre alte Mutter und verheiratet war, sondern auch T.'s Großvater als Gutsverwalter beschäftigte. Ein uneheliches Kind im Jahr 1935 musste in dem kleinen Ort als Schande für die junge Frau gegolten haben, die außerdem vermutlich nicht genug verdiente, um ein Kind großzuziehen. Aus diesen Überlegungen heraus hat Boris T. Verständnis für die Lage seiner Mutter und die Tatsache, dass sie das Kind anonym entband und in ein Kinderheim gab.
Seine ersten beiden Lebensjahre verbrachte er dort, zwei Jahre, in denen sein leiblicher Vater noch Unterhalt für ihn zahlte. „Die Mappe meines Adoptivvaters enthielt auch ein Sparbuch mit 400 Rentenmark von meinem Erzeuger“, sagt T. Nach den zwei Jahren kamen seine Adoptiveltern in das Kinderheim und wählten ihn aus. Seine Adoptivmutter erzählte ihm, er habe sie direkt angelächelt und das sei für sie ein Zeichen gewesen. „Außerdem war ich wohl sehr dünn, wahrscheinlich wollte sie mich aufpäppeln“, vermutet Boris T. schmunzelnd. Vorwürfe darüber, dass sie ihm seine Herkunft so lange verschwiegen hatten, habe er seinen Adoptiveltern nie gemacht: „Sie haben mir ihre ganze Liebe gegeben und mich immer in allem unterstützt.“
Weil er die beiden nicht weiter beunruhigen wollte und weil er kein Bedürfnis danach verspürte, stellte Boris T. keine weiteren Nachforschungen über seine Herkunft an - 50 Jahre lang nicht. Nach dem Examen absolvierte er ein Volontariat, wurde Journalist und zog ins Rheinland. Er wurde selbst Vater zweier Kinder, ist heute zudem zweifacher Großvater. „Mir ging es gut im Leben“, sagt der 72-Jährige rückblickend. „Aber irgendwann wurde mir klar, dass ich mich nie verwurzelt gefühlt habe und immer das Gefühl hatte, in einem luftleeren Raum zu schweben.“ Doch erst im Jahr 2007 entschied er sich, die Spuren seiner leiblichen Eltern zu verfolgen. Er dachte, dass sie längst tot sein müssten. Mit einem Freund besuchte er die Stadt, aus der seine Mutter stammt, und fand das ehemalige Haus des Gutsverwalters, in dem sie gelebt hatte. „Das alles hat mir unheimlich gut gefallen“, erzählt er.
Als Boris T. seiner 40-jährigen Tochter von der Reise berichtete, ergriff sie die Initiative. Mit der Adoptionsakte wandte sie sich an den Personensuchdienst „Wiedersehen macht Freude“ in Berlin. Das Ergebnis von den Recherchen erhielt T. bereits nach einer Woche: Die Mutter lebt noch, sie wohnt in einem Altenheim in seiner Geburtsstadt. „Da habe ich wirklich eine Gänsehaut bekommen“, sagt Boris T. Um seine Mutter nicht aufzuregen, beauftragte der Personensuchdienst einen in dem Heim bekannten Geistlichen, der sich in einem Gespräch mit T.'s Mutter langsam an das Thema Adoption herantastete. „Für meine Mutter kam das natürlich aus heiterem Himmel“, erzählt der Rösrather. Aber als er sie am darauf folgenden Tag anrief, sei sie nicht abweisend gewesen. „Ich habe ihr auch direkt erklärt, dass ich ihr nichts verübele und dass es mir gut ergangen ist.“
Als er seine Mutter bat, sie kennen lernen zu dürfen, brauchte sie noch Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Später erfuhr Boris T., dass er drei Halbgeschwister hat, mit denen seine Mutter wohl zunächst über seine Existenz sprechen wollte. „Sie haben es als reife Menschen aufgenommen, schließlich sind sie ja auch alle bereits über 50“, sagt er. An Pfingsten dieses Jahres war es schließlich soweit: Boris T. fuhr mit seiner Tochter nach Hamburg, um im Alter von 72 Jahren seine Mutter kennen zu lernen. Neugierig sei er gewesen, aber nicht übermäßig aufgeregt. „In gewisser Weise war sie ja eine fremde Person für mich.“ Einen Blumenstrauß brachte er seiner Mutter mit, die in ihrem Appartement liebevoll einen Tisch mit Kaffee und Kuchen gedeckt hatte. „Zur Begrüßung habe ich meine Mutter direkt in den Arm genommen.“ Sie hätten ein gutes Gespräch gehabt. Nur über Boris T.'s Vater wollte seine Mutter nichts erzählen. „Sie muss aber wohl Zuneigung für ihn empfunden haben“, erklärt T. Das habe sie in einem späteren Telefonat mit seiner Tochter angedeutet, die regelmäßig mit ihrer Großmutter telefoniert.
Boris T. telefoniert ebenfalls alle drei Wochen mit seiner Mutter. Die Identitätsprobleme, die ihn sein Leben lang begleitet und auch depressive Verstimmungen ausgelöst hätten, seien nun verschwunden: „Jetzt weiß ich endlich, wo ich herkomme.“ Was vermutlich nicht mehr verschwinden werde, sei das Gefühl, dass er nie gelernt habe, wirklich enge Bindungen einzugehen. T. sagt: „Das hat nichts mit meiner Liebesfähigkeit zu tun, aber ich kann mich in einer Beziehung nicht bedingungslos fallen lassen.“ Das führt er darauf zurück, dass ihm in seinen zwei ersten Lebensjahren die Mutterbindung gefehlt hat: „Das Urvertrauen, das in dieser Zeit zwischen Mutter und Kind herrscht, habe ich so niemals aufbauen können.“
...weiß ich, wo ich herkomme
21.07.2008 | 16.34 Uhr | Pingsdorf
ich bin seit meiner kindheit in der situation, daß ich gern mit meinem bruder kontakt aufnehmen möchte. er lebt in meiner heimatstadt, ich kenne ihn,…
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