Von Karin Grunewald, 02.09.08, 14:03h, aktualisiert 02.09.08, 15:48h
In den 1990er Jahren lernte Rompcik als Informatikstudent an der Universität Bonn nicht nur offene Software kennen, sondern auch Karsten Stieg und Boris Koslowski. Diese drei bilden heute den Vorstand der „bluefrogs“, die nichts mit blauen Fröschen zu tun haben, sondern eher mit einem unförmigen Pinguin mit Entenfüßen, dem offiziellen Maskottchen von Linux. „Bluefrogs“ ist nur eine findige Abkürzung für den Namen der Gruppe, der auch gleich ihr Selbstverständnis beschreibt: „Bergische Linux- und Unix-Enthusiasten & Freunde offener, gemeinnütziger Software“. Die „User-Group“, wie sich eine solche Gruppe im Fachjargon nennt, tauscht Erfahrungen und Informationen aus, hilft bei der Lösung von Problemen und möchte zur Verbreitung der gemeinnützigen Software beitragen. Die Mitglieder organisieren Vorträge, Fahrten zu Veranstaltungen und laden zu Workshops ein. Einige beteiligen sich aktiv an komplexen Programmen für den Linux-Markt.
Dass das „e“ in „bluefrogs“ für Enthusiasten steht, lässt sich nachvollziehen, denn das Prinzip der offenen Software sucht nicht nur in der Welt der Informationstechnologie seinesgleichen: Tausende hoch qualifizierter Ehrenamtler ohne Firmensitz und Postanschrift stellen der Allgemeinheit die Ergebnisse ihrer Arbeit kostenlos zur Verfügung. Das hat was. Aber nicht nur die Idee fasziniert die Linux-Freaks, sondern auch die Funktionalität der Software. „Man hat ja private Sachen auf seinem Rechner“, sagt Oliver Rompcik, „Briefe an den Rechtsanwalt oder an die Geliebte etwa - wenn ich denn so was hätte.“ Da müsse man schon überlegen, wem man solche Dinge anvertraue. Die Sicherheit in einer Linux-Umgebung schätzt er deutlich höher ein. „Da sitzen viele Augen in der ganzen Welt dran“, sagt er, und die Gefahr, dass diesen vielen Augen offensichtliche Fehler entgingen, hält er für sehr gering. Theoretisch kann jeder Nutzer den „Source-Code“, also die Programmierzeilen, aus denen die Software besteht, einsehen, was bei einem kommerziellen System undenkbar ist. Technikversierte Anwender haben so die Chance, genau zu sehen, was das System wie und wann macht, und können es nach ihren Bedürfnissen gestalten.
Die ehemaligen Studenten stehen heute alle in Lohn und Brot mit ihren Linux-Kenntnissen. Bei den „bluefrogs“ stellen sie das Wissen jedoch ganz im Sinne der Philosophie kostenlos zur Verfügung. 25 Mitglieder hat der Verein, der sich einmal im Monat in Bergisch Gladbach trifft. Dabei sind viele versierte Anwender, die beruflich mit den Systemen zu tun haben, aber auch Anfänger, Schüler und Senioren. „Man muss nicht Mitglied sein“, sagt Rompcik, sondern kann auch einfach mal gucken. Wenn die Gruppe fachsimpelt, verstehen Außenstehende nicht viel mehr, als dass hier Menschen sind, die sich mit der Materie auskennen. Aber es geht auch „um den Spaß an der Freud“, meint Rompcik, und Boris Koslowski betont den „sozialen Faktor“. Nicht nur bierernst, sondern auch mal ein Bier. Das alte Klischee des Computerfreaks, dessen Lebensraum sich - nur von Kaffee und Aschenbecher begleitet - zwischen Kabeln, Papier- und CD-Stapeln im abgedunkelten Arbeitszimmer befindet, erfüllen die Vereinsmitglieder auf den ersten Blick überhaupt nicht. Es gebe sie aber, wissen die Vorstände noch aus ihrer Studienzeit, und so ganz möchten sie sich nicht ausschließen. „Ich trinke jetzt weniger Kaffee und habe das Rauchen aufgegeben“, sagt Koslowski schmunzelnd, „aber in meinem Büro regiert das Chaos.“
Noch ein Klischee trifft anscheinend zu: Frauen sind Mangelware im Geschäft. Nur eine einzige findet sich bei den „bluefrogs“: Regina Kunstleben aus Köln. Die EDV-Trainerin ist jedoch von dem Linux-Virus ebenso infiziert wie die Männer. „Ich habe immer gedacht, das sei nur was für Programmierer“, erklärt sie. Inzwischen empfehle sie auch in ihren „55 plus“-Kursen Linux für Senioren, weil es „nichts kostet und gut aussieht“. Sie kommt gern zu den Treffen, denn „hier sind super-fitte Leute und überhaupt nicht abgehoben“.
Humorlosigkeit ist tatsächlich keine Eigenschaft der Informatikspezialisten. Es wird viel gelacht und Witze kursieren, auch wenn diese meist im Metier bleiben, wie die Frage, warum freitags um 16 Uhr im Rechenzentrum immer der Strom ausfalle. Antwort: Weil die Putzfrau die Steckdose für den Staubsauger braucht. Während eine britische Linux-User-Group im Zoo von Bristol mehrere Pinguine adoptierte, waren die „bluefrogs“ spitzfindiger. Als sie durch Zufall von Patenschaften im Kölner Zoo lasen, fragten sie an, ob der Zoo auch einen blauen Frosch habe. Er hatte ihn, den „Dendrobates azureus“, den blauen Pfeilgiftfrosch. Das possierliche, wenn auch hochgiftige Tierchen genießt nun die Patenschaft seiner „Artgenossen“ aus dem Bergischen.
Die „bluefrogs“ treffen sich jeweils am ersten Mittwoch des Monats ab 19 Uhr im Katholischen Bildungszentrum, Laurentiusstraße 4-12, in Bergisch Gladbach.
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