Von Karin Grunewald, 06.02.09, 18:28h, aktualisiert 06.02.09, 18:29h
„Es war reiner Zufall“, sagt Grasekamp, der sich als Künstler auch einfach David nennt. Als er Ende 2007 im Weinkeller der „Bayer Gastronomie GmbH“ nach leckeren Tröpfchen stöberte, kam das Gespräch auf einen Wettbewerb zur Gestaltung des Etiketts für den Premieren-Jahrgang des Hausweins. Schon immer habe er Weinetiketten interessant gefunden, sagt der Overather Künstler, und sich gefragt: „Warum sehen die alle gleich aus?“ Unter 100 Einsendungen stand bei der fachkundigen Jury am Ende sein Entwurf ganz oben. Nur ein kleines Stück Papier. Aber das hat es in sich und lässt sich mit Prädikaten bezeichnen, die sich auch in Weinkritiken finden: ausgereift, rund und gehaltvoll.
Auch wenn das Etikett schon auf den ersten Blick anspricht, entdecken der zweite und auch dritte Blick die kleinen Details und schließlich das große Ganze. Das Etikett ziert eine dreidimensional wirkende Flasche, die bei näherem Hinsehen aus Buchstaben, Wörtern, Sätzen besteht, die das beschreiben, was sich in der Flasche befindet. „Wie eine Babuschka“, sagt David Grasekamp und meint damit die russischen Puppen, in deren Bäuchen sich immer noch eine weitere entdecken lässt. Kunst oder werbewirksame Gestaltung? Beides, glaubt Grasekamp, der Zeit seines Lebens den schwierigen Spagat zwischen individueller Kunst und Arbeit für einen Auftraggeber trainiert hat.
Werbung angeschaut
Er stammt aus einer Künstlerfamilie, hat aber beide Wege „sehr konkret kennen gelernt“. Bereits als Kind interessierte er sich für die Gestaltung von Konsumgütern. „Während meine Freunde Micky Mouse angeschaut haben, habe ich Werbung angeschaut“, sagt er. Sein erstes Logo gestaltete er für den heimischen Metzger. Heute arbeitet er in einem idyllisch über der Agger gelegenen Atelierhaus mit seiner Lebensgefährtin, der Malerin Helga Mols, an verschiedenen Kunst- und Kulturprojekten im Bergischen. Vor zwei Jahren wagte er den Sprung in die Selbstständigkeit und gründete die Kreativagentur „mowaii“. Zwischen die Arbeit an Logos und Corporate Design für Korrespondenz und Internet schob er das kleine Weinetikett.
Sieben gänzlich verschiedene Entwürfe und diverse Subentwürfe entstanden am Bildschirm, bis sich der eine als der Richtige herausschälte. Unzählige Male hat er das Etikett ausgedruckt, ausgeschnitten und um die Flasche gehalten. Zu verdienen gab es bei dem Wettbewerb nichts außer einigen guten Flaschen Wein. Dennoch ging David Grasekamp das Projekt an, als ginge es um einen lukrativen Auftrag aus der Marketingbranche. Vor jedem Projekt drücke er den „Reset-Knopf“ und fange gedanklich völlig offen bei Null an. Er beginnt mit dem „Herantasten“ an die Aufgabe, ihren Hintergrund, ihre Aussage, denn das Ergebnis soll „nicht nur gut aussehen, sondern etwas transportieren“.
Herangetastet hat er sich zunächst mit „Google Earth“ und zwar fast bis zu dem Keller, in dem in Fässern der Wein reift, den später sein Etikett zieren soll - irgendwo westlich von Tarragona in Spanien. „Rauer als das Bergische“, hat er die Gegend empfunden und „einen Stausee und Viadukte“ gesehen. Damit stand für ihn fest, dass das Etikett „keine tanzenden Kinder“, sondern eher ein strenges Motiv tragen sollte.
Herausforderung
Herangetastet hat er sich auch an die Geschichte des Weinanbaugebiets Montsant und das Tal von Capcanes, in dem die Trauben wachsen. Er testete die Weine und traf sich mit dem Önologen Jürgen Wagner, um jedes noch so kleine Detail zu erfahren. Zum Beispiel über die keltischen und römischen Wurzeln der Gegend, in der sich noch Reste vieler Freilufttheater finden. Oder über die pittoresken Weinberge, die in die Hänge geschmiegt wie eine Vielzahl dieser Theater wirken. So reifte der Name für den Wein: „ViTeatre“ wird er heißen, wobei „Vi“ das katalanische Wort für Wein ist.
Nicht zuletzt recherchierte David Grasekamp auch über das Weingut, zu dem sich viele kleine Bauern zusammengeschlossen hatten, um sich vor der Übernahme durch ein großes Unternehmen zu schützen. Um zu überleben, „erfanden“ die Leiter - alles Christen - einen „koscheren Wein“, der auf bestimmte Art und Weise angepflanzt und gekeltert wird. „Man könnte auch ökologisch sagen“, meint Grasekamp. Eine schöne Geschichte, findet er. Genau wie die, dass die Bauern zwar bewertet werden, aber die Abnahme ihrer Ernte auch unter sozialen Aspekten erfolgt. Grasekamp ist sicher: „Auch das schmeckt man.“
Eine Herausforderung sei zudem die Weinetikettenordnung der EU gewesen. „Ein Buch“ sei das, in dem genau vorgeschrieben sei, welche Angaben in welcher Art und Größe auf dem Etikett stehen müssen. Doch Grasekamp schlug auch die trockenen Vorschriften mit Kreativität. Ein „schönes »l«“ für die Literangabe, ein „nicht so langweiliges Prozentzeichen“ für den Alkoholgehalt und schließlich die Abbildung eines Sulfitkristalls aus einem alten Schulbuch. „Das gibt's auf keiner Flasche der Welt“, sagt er schmunzelnd.
Nur ein kleines Stück Papier? Ja, aber in einer hastigen, oft oberflächlichen Welt wie eine seltene Oase, die voller Konzentration auf eine Sache ist, und in der die Bedeutung von Zeit und Geld schwindet - wie bei einem gehaltvollen Gespräch bei einem ebensolchen Glas Rotwein.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige
Spiel- und Sportverein Overath
Unternehmer-Initiative Overath e.V.