Von Michaela Paus, 05.01.10, 16:54h, aktualisiert 06.01.10, 09:30h
Die Idee zu dem Projekt entwickelte Bösel im Orwell-Jahr 1984, „als neben dem Roman von George Orwell auch das Thema Überwachung viel diskutiert wurde“. Das Projekt hatte für den damals 22-Jährigen auch einen biografischen Hintergrund: „Ich bin im Jahr des Mauerbaus geboren, 1961. Außerdem stammt mein Vater aus Ost- und meine Mutter aus Westdeutschland“, berichtet der in Bensberg lebende Fotokünstler. „Wir sind früher jedes Jahr in die DDR gefahren, zu den Verwandten meines Vaters. Die Teilung Deutschlands war für mich etwas Unbegreifliches“, sagt der 48-Jährige, der mit einer Theaterregisseurin verheiratet ist und zwei Kinder hat.
Das Mauerprojekt sei für ihn der Anfang seiner „konzeptionellen Photographie“ gewesen. Zu den folgenden Projekten gehört eine Gemeinschaftsausstellung mit Marion Menzel unter dem Titel „Schwimmt Neptun?“ im Kölner Neptunbad, wo Bösel einen Stein des Gebäudes ins Blickfeld gerückt, aus verschiedenen Perspektiven fotografiert und mit einer Installation in Bewegung gebracht hat. „Die Aufnahmen entstanden 1995, vor der Renovierung des Schwimmbades.“
Geschichte der Räume
Philipp J. Bösel arbeitet gern in Serien und mit Schwarz-Weiß-Fotografie. Ein inhaltlicher Schwerpunkt sind Räume. „Dabei ist mein Ansatz nicht dekorativ. Ich überlege nicht, welches Bild in welchen Raum passen würde, sondern gehe von dem Raum aus und entwickele dann das Konzept“, erläutert der Fotokünstler, der aktuell an einer Serie über die Kölner Oper und das Schauspielhaus arbeitet. „Mir geht es darum, die Geschichte des Raumes und seinen Charakter herauszuarbeiten.“ Das Foto hat dabei nicht nur die Funktion eines Abbildes. „Es hält zwar einen Moment fest, soll aber auch darüber hinaus etwas erzählen.“
So auch bei einer Serie von Fotos, die Philipp J. Bösel im Rahmen des Kulturprojekts „Sprachrohr der Städte“ in Istanbul machte. „Ich bin mit der Kamera und einem Spiegel losgezogen und habe Passanten gefragt, ob sie mir Istanbul spiegeln können.“ Entstanden sind Aufnahmen, bei denen der fotografische Raum durch die Spiegelung um eine weitere Ebene, ein Bild im Bild ergänzt wird. So sitzen drei Frauen vor der Blauen Moschee (Sultan-Ahmed-Moschee), ihr Spiegel lässt die Hagia Sophia sichtbar werden, die sich eigentlich außerhalb des Blick- und Bildfeldes befindet. Ein anderes Foto zeigt einen jungen Mann auf den Prinzeninseln. In dem Spiegel, den er hält, zeigt sich eine Straßenszene mit Pferdekutschen. In einer Instrumentenwerkstatt spiegelt sich ein Mitarbeiter, auf sein Werk konzentriert. Das Projekt war anlässlich des Symposiums „Vielfalt der Kulturen“ im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum zu sehen. Neben solchen Serien stehen bei Bösel Panorama-Aufnahmen aus Köln, Bilder von Blues- und Rockkonzerten und Musiker-Porträts. In aktuellen Arbeiten hat er nebeneinander stehende Umkleidekabinen in Holland so fotografiert, dass sie wie eine Linie in der Landschaft wirken und das einzelne Objekt zugunsten der grafisch wirkenden Reihung in den Hintergrund tritt.
Grafik-Design
Bei früheren Arbeiten kombinierte er Fotografie mit farbigen Folien und Computergrafik. Hier offenbart sich der Hauptberuf des Fotokünstlers. Nach einer Ausbildung zum Fernmeldeinstallateur hat der gebürtige Kölner, der in Refrath aufwuchs und schon als Jugendlicher mit der Kamera experimentierte, in London an der Middlesex University Grafik-Design mit dem Schwerpunkt Mediengestaltung studiert. Seit 1989 arbeitet er beim WDR, zunächst als Fernsehdesigner, seit 2000 als Webdesigner in der Internet-Redaktion. Zudem hatte er von 1992 bis 1997 einen Lehrauftrag an der Kölner Kunsthochschule für Medien, wo er die gestalterischen und künstlerischen Projekte von Studenten betreute.
Für die WDR-Internetredaktion sammelt er auch jedes Jahr Eindrücke auf der Kunstmesse Art Cologne. Hier ergänzen sich wieder gestalterischer Beruf, persönliches Interesse und Fotokunst. Denn Bösel beschäftigt sich intensiv mit bildender Kunst. Privat reist er seit 1987 zur „Documenta“, einer bedeutenden, alle fünf Jahre stattfindenden Ausstellung zeitgenössischer Kunst, und fotografiert dort die Exponate. Nicht zuletzt um die Wirkung der Werke auf den (fotografierenden) Betrachter zu untersuchen. Bösel: „Ich beschäftige mich beim Fotografieren immer wieder mit Fragestellungen der Bildkunst und der Musik.“ Zum Beispiel mit ihrer Geschichte, ihrem Kontext, ihrer Wirkung, ihren Mitteln. Nicht umsonst hat er seine Homepage „Enigmart“ genannt - eine Kombination der Worte Art (Kunst) und Enigma (Rätsel), die ebenso wie seine „konzeptionelle Photographie“ zum Denken und genauen Hinschauen anregt.
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