Von Jutta-Eileen Radix, 17.06.10, 18:22h
„Für mich“, sagt der Seelsorger über sein Geburtsland, „ist es das schönste Land der Welt - aber dort liegen Himmel und Hölle so nah beieinander wie sonst nirgends.“ Sehr lange hat Werner davon geträumt, wieder zurück nach Südafrika zu gehen, doch von dieser Wunschvorstellung habe er sich verabschiedet, sagt er im Gespräch. „Mit der unglaublichen Diskrepanz zwischen Arm und Reich dort könnte ich auf Dauer nicht leben.“
Sein Bruder Andreas hingegen - der eigentlich nur sein erstes Lebensjahr in Südafrika verbracht hatte - packte Anfang der 90er Jahre die Koffer und ist inzwischen als Architekt in Kapstadt etabliert. Der Bergisch Gladbacher Pfarrer fährt mit seiner Frau Kirsten Korfkamp-Werner und seinen Kindern alle paar Jahre ans Kap, um seinen Bruder zu sehen. Werner: „Mein Bruder hat eine hochintelligente und charmante Frau, die allerdings farbig ist. Und damit ist klar, dass die beiden in Deutschland nicht glücklich werden könnten. Rassismus gibt es bedauerlicherweise nicht nur in Südafrika.“
In seiner Kinderzeit, schildert Thomas Werner, seien ihm natürlich weder das System der Apartheid noch die tiefe Kluft zwischen Armen und Reichen im Land bewusst gewesen. Er sei fröhlich aufgewachsen und als kleiner Blondschopf der Liebling aller farbigen Mitarbeiter in der Kirchengemeinde gewesen. In Vanderbijlpark südlich von Johannesburg baute Werners Vater Kurt in acht Jahren drei evangelische Gemeinden auf, musste seinerzeit das Leben der Familie aus Abgaben der Gemeindemitglieder finanzieren. Diese Zeit, so Werner im Rückblick, habe nicht nur seine Eltern, sondern auch ihn sehr geprägt: „Unser Zauberwort in der Gnadenkirche, »gerne!« hat seine Wurzeln in Südafrika, wo jeder mit seinen Anliegen und Wünschen willkommen war.“ Seine Eltern leisteten Pionierarbeit, bauten neue Kirchengemeinden auf, und Pfarrer Werner sagt auch heute noch: „Ich bin für jedes Gemeindeglied dankbar, das zu uns kommt.“
Eine der lebhaftesten Kindheitserinnerungen von Pfarrer Werner ist das Grillen mit der Familie am Ufer des Waal, das immer ein besonderes Erlebnis war. Die Farben der blühenden Proteen haben ihn als Kind beeindruckt, ebenso die weiten Strände und der Geruch des Indischen Ozeans. Die kristallklare Luft bringt den engagierten Pfarrer heute noch zum Schwärmen, sobald er in Südafrika aus dem Flugzeug steigt. Andere Kindheitserlebnisse kennt Thomas Werner nur aus Erzählungen: „Meine Mutter kann sehr farbenfroh davon berichten, wie ich als Knirps mit einer giftigen Natter in der Hand in die Küche gewackelt kam. Die hatte ich draußen aufgehoben.“
Die Begegnung mit der Natter ging glimpflich ab, doch auch Pfarrer Werner erlebte schon als Kind mit, dass Gewalt in Südafrika ein großes Problem war. „Ich erinnere mich, dass unser schwarzer Küster Timothy vom Stamm der Schangaan nach einem Besuch bei Verwandten in den Townships von Vanderbijlpark unverhofft in eine Messerstecherei geraten war und furchtbar zugerichtet, unter anderem mit zerschnittenem Gesicht, nach Hause kam. Mein Vater hat ihn sofort ins Auto gesetzt und ihn ins nächste Krankenhaus nach Vereeniging gebracht.“ Die tiefe Kluft zwischen Begüterten und Menschen, die in Pappkartons hausen müssen, erzeuge leider ein explosives Klima.
Werner hat jedoch keinerlei Zweifel daran, dass die WM in Südafrika ein tolles Fußballfest werden wird: „Ich kenne die Südafrikaner, ich habe nie daran gezweifelt, dass die das perfekt hinkriegen. Das Land ist zwar das südlichste Afrikas, aber nach wie vor europäisch geprägt. Zudem ist Südafrika der Wirtschaftsgigant des Kontinents.“ Sehr kritisch sieht Werner die zahlreichen Auflagen, die die Fifa den Afrikanern gemacht habe. „Die Stadien liegen ja in belebten Stadtteilen, in denen auch viele Straßenhändler ihrem Gewerbe nachgehen. Die Fifa aber hat Verträge mit einer großen Hamburger-Kette und hat Südafrika zur Auflage gemacht, die Straßenhändler rund um die Stadien zu vertreiben.“ Auch die Eintrittskarten seien zu enorm hohen Preisen angeboten worden, die sich einheimische Fußballfans kaum leisten konnten.
Diese negativen Dinge werden nach Einschätzung von Werner jedoch mehr als aufgewogen durch die positiven Effekte der WM. Es sei enorm viel Infrastruktur geschaffen worden im Land, nicht nur die Stadien, sondern auch Flughäfen und Straßen. Dies, glaubt Werner, bleibe den Menschen in Südafrika auch nach der WM und werde für eine positive Dynamik sorgen - vielleicht auch im Hinblick auf die soziale Entwicklung und die soziale Gerechtigkeit. Die WM stärke das Selbstbewusstsein Afrikas enorm. „Ich hoffe“, so Werners Wunsch, „dass die Fußball-WM für Südafrika, aber auch für den gesamten Kontinent richtungweisend sein wird.“
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige