Von Stephan Propach und Julia Hohenadel, 21.07.10, 08:24h, aktualisiert 21.07.10, 09:26h
Geplant sind auf dem rund acht Hektar großen Gelände unter anderem eine „Naturerlebnisakademie“ mit Übernachtungsmöglichkeiten für 180 Gäste, ein zentrales Bildungshaus, ein Familien- und Seminarhotel, ein Baumhaushotel, ein Heckenirrgarten, ein Hochseilgarten und ein 45 Meter hoher Aussichtsturm. Rund um die ehemalige Kaserne - die Bundeswehr zog dort Anfang 2003 ab, seitdem zerfallen die Gebäude - ist eine Wallanlage geplant. Auch bei den Besucherzahlen wollen die Verantwortlichen lieber klotzen als kleckern: Mit rund 1000 Gästen rechne man an Spitzentagen, auf das Jahr gerechnet würden rund 100 000 bis 150 000 erwartet, kündigte Olaf Wirths von der Betreiberfirma „Naturerlebnis Nutscheid“ in Ruppichteroth an.
Die gemeinnützige Gesellschaft (gGmbH) mit Sitz im oberbergischen Waldbröl zeichnet verantwortlich und wurde speziell für jenes Projekt aus dem Verein „Outdoor Oberberg“ heraus gegründet. Der nämlich hätte einen Bau dieser Dimension nicht bestreiten können, erklärte Wirths. Als Vereinsvorsitzender hatte er sich 2007 mit dem Konzept beim landesweiten Ideenwettbewerb „Erlebnis NRW“ beworben. Unter 158 Bewerbern gehörte er zu den 53 Gewinnern, obschon er mit der teuersten Idee aufwartete. Einer einzelnen Privatperson mochte das Land die Fördersummen dennoch nicht anvertrauen: 9,5 Millionen Euro werden der Abriss der Kaserne und der Bau des Parks nach bisherigen Berechnungen kosten, mit 80 Prozent von Land, Bund und EU gefördert.
Deshalb gründete Wirths zusammen mit der Stadt Waldbröl eine gGmbH. Ursprünglich sollten bereits 2009 die Bagger für den Abriss der alten Kaserne anrollen. Im Herbst 2010 hätten dann die Gäste kommen können. Für Verzögerungen sorgte im vergangenen Jahr die Bezirksregierung Köln, die das Vorhaben noch einmal beim Wirtschaftsministerium vorlegte. Das wiederum wollte starke Partner an der Seite der Waldbröler sehen. Also ging Olaf Wirths erneut auf die Suche und holte schließlich das Deutsche Jugendherbergswerk im Rheinland (DJH Rheinland) und den Oberbergischen Kreis als weitere Gesellschafter ins Boot. Derzeit sind Kreis und Stadt mit jeweils zehn, das DJH Rheinland mit 80 Prozent beteiligt. Wirths soll Geschäftsführer werden und ist als Gesellschafter ausgestiegen.
Das DJH Rheinland werde seiner Waldbröler gGmbH die fehlenden 20 Prozent der Kosten als Darlehen überweisen, kündigte Friedhelm Kamps an. Der DJH-Rheinland-Geschäftsführer geht davon aus, in den kommenden „Tagen oder Wochen“ ein positives Signal aus der Kölner Bezirksregierung zu erhalten. Wenn dann der offizielle Bewilligungsbescheid des Landes vorliegt, fällt der Startschuss. „Naturerlebnis Nutscheid“ werde die Kaserne kaufen und die Stadt Waldbröl den Bebauungsplan aufstellen. „Wir tun etwas für die Region“, verspricht Kamps.
Als Chance für die strukturarme Region sehen die Bürgermeister von Waldbröl, Peter Koester, und Windeck, Jürgen Funke, das Projekt. Koester spricht gern von einem „Leuchtturmprojekt“ und erhofft „viele Zugewinne“, zumal: „Vergleichbares gibt es in der ganzen Region nicht“. Dass tatsächlich Besucher in sechsstellige Zahl kommen, ist für Koester nur wünschenswert. Er geht im Übrigen von einem Baubeginn in diesem Herbst aus. Positive Auswirkungen auf den Tourismus in Windeck erhofft sich auch Rosbachs Rathauschef Funke, der - wie auch sein Gemeinderat - noch abwartet, dann aber mit einsteigen möchte. Der Ruppichterother Bürgermeister, Mario Loskill, sieht die Planungen vor seiner Haustür pragmatisch: „Wenn das verwirklicht werden sollte, wäre es natürlich großartig für Ruppichteroth, wenn auch neue Arbeitsplätze geschaffen würden.“
Geschäftsführer Wirths spricht derzeit von 350 Jobs, allerdings nur 25 mit Festanstellung. Diese Zahl schreckt Verwaltungschef Loskill überhaupt nicht: „Und wenn nur ein einziger Arbeitsplatz neu hinzukommt, ist es für die Gemeinde ein Erfolg.“ Über mögliche Verkehrsströme will sich Loskill vorerst weder allzu sehr freuen noch sorgen: „Die Menschen, die hier durchfahren, sollen einfach sehen, dass man in Ruppichteroth auch nett essen und gut übernachten kann. Es wäre falsch, sich gleich zu fragen, wie viel Straßenverkehr da auf uns zukommt und wie sehr er uns belasten könnte.“
Die Gesellschafter des Nutscheid-Projektes setzen laut Kamps vor allem auf die S-Bahn-Verbindung durch das Siegtal. Für Autos und Busse ist das Bröltal neben der Autobahn 4 im Norden und der B 256 aus dem Siegtal einer der Zufahrtswege. „Sollten Belastungen entstehen, müssten wir uns überlegen, wie wir klug reagieren“, räumt Loskill ein.
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