Von Christian Leinweber, 08.08.10, 17:43h
Apokalypse und Seelenfrieden
Quietschen, Kratzen, Schaben und Klopfen, mal bedächtig, dann von aufbäumender Unruhe, wurden durch die Mikrophone verstärkt und von zwei weiteren Spielern mittels regulierbarer Filter verfremdet über die Lautsprecher ausgespielt. Seltsame Töne, die nicht von dieser Welt zu sein schienen, flirrten durch den Raum, erfüllten ihn mit einer Fremdartigkeit, die zwischen Apokalypse und Seelenfrieden jede Gefühlsregung zuließ.
Angsterfüllten und unmenschlichen Schreien glich das Geräusch des Weinglases, das über das Tamtam gezogen wurde, wie ein gigantisches Tier, das sich durch eine vorzeitliche Graslandschaft schleppt, das Papier, das über das Instrument gestrichen wurde. Die am Gong zerriebene Pappe stieg als Staub von der Bühne auf, wurde zur visuellen Komponente eines Spiels, das beeindruckender kaum hätte sein können. Das anthos Ensemble - Almut Lustig, Stefan Kohmann, Matthias Breitlow und Christoph Nünchert am Tamtam und an den Mikrophonen sowie Norbert Krämer und Michael Pattmann an den Filtern - setzte das komplexe Werk spannungsvoll und punktgenau um, die Einheit der Musiker war beeindruckend und hinterließ atemloses Staunen.
Nervös und ungezügelt begann das „Klavierstück X“, das Pianist Benjamin Kobler unter der Klangregie von Florian Zwißler interpretierte. Jenseits von Harmonie und diesseits einer neuen Klangerfahrung bearbeitete er das Instrument mit Fingern und Unterarmen. Mal donnernd, mal sanft, brachial und emotional führte auch dieses Werk den Hörer in eine fast schon halluzinogene Welt aus Tönen und Melodiefragmenten. Zeit und Raum hob Kobler mit seinem Spiel auf, ließ Töne sanft im Raum verklingen, nur um darauf ein spielerisches Klangchaos zu erschaffen - Wut und Verzweiflung, Stille und Frieden, lagen nur eine Tastenbreite voneinander entfernt. Harmonie und Dissonanz prallten in der traumgleichen Darbietung zusammen, der Nachhall jedes Tones wie eine zitternde Hand, die nach Halt sucht.
Den gab es zum versöhnlichen Schluss, das „Klavierstück X“ klang bedächtig aus: Die Beschaulichkeit im Angesicht des Orkans, der Ort, an dem die unruhige Seele ihren ewigen Frieden findet. Was blieb, war der prasselnde Regen auf das Dach der Sülztalhalle, die Geräusche der Natur, diesem oft unbegreiflichen und wunderschönen Chaos, das auch den Werken Stockhausens innewohnt.
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