Von Jutta-Eileen Radix, 16.08.10, 16:43h, aktualisiert 16.08.10, 17:00h
Burchardt, in Musikerkreisen auch als „Howlin' Horst“ bekannt, bezeichnet sich selbst lächelnd als „Spätentwickler“. Gelernt hat er eigentlich Kaufmann, doch über das Engagement in der evangelischen Kirche, als Presbyter, Kirchmeister und Vorsitzender des Jugendausschusses, kam Burchardt zu einem anderen Berufsweg. „Außerdem habe ich mit meinen eigenen drei Kindern erlebt, wie kinderfeindlich die Welt ist.“ In der evangelischen Akademie in Radevormwald konnte Burchardt eine berufsbegleitende Ausbildung in Sozialarbeit machen, anschließend sattelte er noch ein Studium drauf. „Für die Heimleitung brauchte ich das Diplom, da habe ich es eben gemacht“, erklärt Burchardt trocken. Mit 57 Jahren war er schließlich diplomierter Sozialpädagoge. „Das Alter hat mir gewiss nicht geschadet“, resümiert der 79-Jährige im Rückblick, „gerade in der Ausländerarbeit. Viele der aufmüpfigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben hohen Respekt vor älteren Menschen und hören auf uns besser.
30 Jahre ehrenamtliche und hauptamtliche Sozialarbeit hat Burchardt schon hinter sich, doch ans Aufhören denkt er nicht. Den neuen „Job“ in Bergisch Gladbach hat er aus zwei Gründen angenommen: Zum einen ist die Drogenprävention ihm ein sehr wichtiges Anliegen, und er kennt Pfarrer Thomas Werner aus gemeinsamer Arbeit in Essen und hoffte auf ein fruchtbares Arbeitsklima. Zum anderen kann Burchardt mit dem hier verdienten Geld die Jugendlichen unterstützen, die er im Auftrag des Essener Jugendamtes betreut. „Eigentlich komme ich mit meiner Rente gut aus“, so der Sozialpädagoge, „aber für eine sinnvolle Freizeitgestaltung mit gefährdeten Jugendlichen brauche ich immer Geld.“
Neue Wege gehen
Burchardt bezeichnet es als seine Spezialität, mit Jugendlichen etwas anderes zu machen, als diese gewohnt sind. „Wenn ein Baby ein scharfes Messer in der Hand hält, kann man es ihm nicht einfach wegnehmen. Hält man ihm aber eine Weintraube vor die Nase, wird es danach greifen und man kann das Messer ohne Gefahr wegnehmen. Bei Jugendlichen funktioniert das genauso.“ Die dicken Bücher über Drogenprävention, schildert der neu eingestellte Mitarbeiter im Q1, die läsen die Eltern, nicht die Jugendlichen. Deshalb will „Howlin' Horst“, der Mann, der schon mit vielen Blues-Größen zusammen gespielt hat, in der Drogenprävention auch neue Wege gehen, sie kulturell aufziehen, statt den sprichwörtlichen erhobenen Zeigefinger zu schwenken. „Satire im Dienste der Drogenprävention wäre ein Mittel“, erklärt Burchardt, „auf diese Weise kann man die starke Ausstrahlung der Szene unterlaufen.“ Eine weitere Technik, die der erfahrene Sozialpädagoge nutzt, ist es, die Eitelkeit seiner Klientel anzusprechen. „Ich durchforste das gesamte Internet nach Hautkrankheiten, die aus Drogenkonsum resultieren. Wenn ich einem Jungen sage »mach so weiter und du bist in 30 Jahren tot«, interessiert den das wenig. Sage ich aber »sauf weiter so und deine schönen blauen Augen werden gelb und du kriegst rote Pickel«, ist das eine ganz andere Dimension für junge Leute.“
„Howlin Horst“ hat auch schon eine Reihe von Liedtexten zum Thema Drogen geschrieben, die in der Jugendzentrum-Zeitschrift „Q-Einstein“ abgedruckt werden könnten, und er will massive Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Q1-Leiter Kalla Piel ist sehr zufrieden mit den ersten Ideen seines neuen Mitarbeiters und beobachtet, wie der Essener Kontakte knüpft. „Das muss natürlich wachsen“, so Piel, „erstmal gucken die Jugendlichen und fragen sich: Was will denn der Alte hier?“ Burchardt müsse zu einer Institution werden, erklärt Piel, aber da sei er zuversichtlich. Das ist auch Horst Burchardt: „Das ist kein so schrecklicher Job wie der als Krisenhelfer, der mit den Klienten auf dem Parkplatz sitzt. Es geht ja bei den legalen Drogen einfach nur um einen kultivierten Umgang damit.“ Ob und wann die Jugendlichen den Bluesmusiker „Howlin' Horst“ erleben, ist noch ungewiss. Aber er kann sich vorstellen, beim Q1-Geburtstag am 25. September als „Special Guest“ beim Poetry Slam aufzutreten. „Eine schnelle Methode, mich bekannt zu machen“, findet der jüngste und älteste Q1-Mitarbeiter.
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